Finden Sie Ihr Sprach-Marshmallow!

Ein Interview mit Dan Sirbu. Dan ist Schüler eines Deutsch-Integrationskurses und spricht über seine Erfahrungen im Land der schönen Päckchen, seine deutschen Lieblingswörter und wie die Sprachkenntnisse die Zukunft bestimmen können.

vhs: Herr Sirbu, Sie lernen Deutsch an der vhs wetterau in Bad Vilbel. Aber zurück zum Anfang: Woher kommen Sie und was hat Sie bewogen, nach Deutschland zu kommen?

Freut mich mit Ihnen ins Gespräch zu kommen! Ursprünglich komme ich aus Moldawien, und nach meinem Universitätsabschluss in Rumänien entschied ich mich, ein Praktikum in Brüssel zu machen. Als mein Praktikum zu Ende war, wollte ich auf keinen Fall in die Heimat zurück, denn hatte ich noch Fernweh. Zum Glück hatten mir meine Tante und mein Onkel, denen ich sehr dankbar bin, mittlerweile viel über Deutschland erzählt, und so ließ ich mich davon überzeugen, hierher zu ziehen.

Ich hatte aber auch schon ein paar Vorstellungen von Deutschland. Es war für mich wie ein Traumland. Als ich noch in der Schule war, bekamen wir zu Weihnachten Geschenke aus Deutschland. Es waren immer schöne Pakete mit Süßigkeiten, Büchern, Bleistiften und Kugelschreibern. Deshalb dachte ich, was für ein schönes Land das sein muss, wenn jemand solche Päckchen schickt!

vhs: Seit wann lernen Sie Deutsch?

Deutsch zu lernen habe ich erst hier angefangen. Seit ungefähr fünfzehn Monaten lebe ich hier. Ich kann mich erinnern, wie ich am Anfang mit meiner Tante bis spät in die Nacht gelernt habe. Deswegen konnte ich bei Ihnen auf A2-Niveau anfangen. In meiner Schule gab es keine Möglichkeit, Deutsch zu lernen, aber ich hatte auch kein Interesse daran, da Deutsch sich sehr hart anhörte. Ich erinnere mich an russische Filme über den Krieg, in denen manchmal Deutsch gesprochen wurde, und kriege beim Gedanken daran Kopfschmerzen, aber ich verstehe jetzt, warum es so gewesen ist. Weil Deutschland ein Feind der Sowjetunion war, musste die Sprache so abstoßend klingen.

vhs: Sie besuchen einen Deutsch-Integrationskurs. Sind Sie mit Ihrer Wahl zufrieden?

Vor allem würde ich sagen, dass wir in einer guten Lage sind, und zwar, weil wir die Möglichkeit haben, einen Integrationskurs zu besuchen. Dafür will ich mich bei allen Menschen, die sich in diesem Bereich engagieren und besonders bei der vhs wetterau bedanken! Als die ersten Gastarbeiter aus Italien und später aus der Türkei nach Deutschland eingewandert sind, hatten sie keine Deutsch- und Orientierungskurse. Sie sind hierhergekommen, haben gearbeitet, Geld zurück in die Heimat geschickt und das war’s. Es wurde nicht über Integration oder Sprachenlernen gesprochen.

Deshalb bin ich glücklich, denn nach so einem Kurs kann ich mich in der Gesellschaft viel besser orientieren. Man lernt nicht nur die Sprache, sondern erfährt viel über die deutsche Verfassung, Politik und Geschichte, damit diese Kenntnisse einem helfen, sich besser zu integrieren. Allerdings sind manche Deutsche ein bisschen überfordert, wenn ich z. B. frage, wie der Bundespräsident gewählt wird. Wenn man sich für dieses Land entscheidet, muss man unbedingt so einen Kurs besuchen.

vhs: Was empfanden Sie als besonders wichtig im Integrationskurs?

Studien weisen nach, dass man viel schneller lernt und mehr Spaß hat, wenn man es in einer Gruppe macht. Deswegen war es für mich wichtig, dass ich mit anderen die deutsche Sprache lerne. Als der erste Lockdown anfing, habe ich allein gelernt, aber es war total langweilig. Obwohl ich Fortschritte gemacht habe, fehlte mir doch meine Gruppe sehr. In einem Kurs kann man viele Erfahrungen sammeln, weil dort auch Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen. Jemand sagt ein Wort, ein anderer eine besondere Redewendung oder einen Witz, und so kann man sich gegenseitig beim Lernen fördern.

vhs: Haben Sie Freunde im Kurs gewonnen?

Das Lustigste im Kurs ist, dass ich jemanden von meiner moldawischen Universität getroffen habe. Nach meinem Abitur hatte ich ein Jahr lang „Internationale Beziehungen“ studiert. Innerhalb dieser Zeit lebte ich in einem Studentenheim, und dort sah ich diese Frau; allerdings hatten wir uns nicht miteinander bekannt gemacht. Im Deutschkurs holten wir das nach und jetzt sind wir gute Freunde. Die Welt ist zwar groß, aber manchmal auch sehr klein.

Ich lernte aber auch viele andere Leute kennen. Ich habe verschiedene Geschichten gehört, von Menschen, die entweder aus Liebe oder aus politischen Gründen hergekommen sind. Wenn wir uns auf der Straße sehen, dann grüßen wir uns und fragen, wie es uns geht.  Ich glaube, dass es ein guter Anfang für Freundschaften ist.

vhs: Schauen Sie Filme auf Deutsch? Hören Sie gerne deutsche Musik oder auch Podcasts?

Ja, und ich mache es mit jeder Woche lieber. Im Moment habe ich eine Lieblingsserie auf Arte.de, die In Therapie heißt. Der Titel sagt schon, dass es um Menschen geht, die sich in Therapie befinden, und zwar kurz nach den Anschlägen auf das Bataclan und andere Orte in Paris. Man sieht, welche psychischen Auswirkungen die Ereignisse auf die Menschen hatten, z. B. eine Ärztin oder einen Polizisten. Nicos Weg auf „Deutsche Welle“ habe ich am Anfang wieder und wieder angeschaut, um Deutsch zu lernen. Die Serie Weissensee oder der Film Almanya – Willkommen in Deutschland gefallen mir auch sehr. Anstatt Musik zu hören, höre ich oft Podcasts. Es macht mir größeren Spaß, weil ich etwas Neues dazulerne. Hier würde ich auch ein paar nennen wollen: SWR2 Wissen, Ab 21 (Deutschlandfunk Nova), Deutsche Welle, Smarter Leben oder Spiegel Update. Das sind meine täglichen Quellen.

vhs: Wir haben gehört, dass Sie neben dem Deutschkurs arbeiten. Erzählen Sie doch bitte über Ihre Erfahrungen.

Das ist eine lustige Geschichte. Am Anfang konnte ich kein Deutsch sprechen, aber ich hatte den großen Wunsch zu arbeiten und mich weiter zu entwickeln. Ich bin mit meiner Tante nach Friedberg, Frankfurt und Bad Vilbel gefahren, um eine Stelle zu finden. Es war einfach: Wir nahmen eine Straße und sind dort herum gelaufen. Ab und zu gingen wir in ein Geschäft oder Restaurant hinein, um zu fragen, ob sie etwas für mich haben. Ich habe mich bemüht, zwei Sätze auf Deutsch zu sagen: Ich heiße Dan und Ich habe studiert. Den Rest hat meine Tante erzählt.

Nach ein paar Wochen bin ich in einer Restaurantkette gelandet. Es war nicht mein Traumjob, aber damals habe ich mich sehr gefreut! Im Moment arbeite ich in einem Bioladen, dank eines Tipps meiner Deutschlehrerin, Frau Dr. Birgit Jordan. Die Arbeit dort gefällt mir sehr, hauptsächlich, weil es umweltfreundlich, ökologisch und nachhaltig ist. Drei Adjektive, die zurzeit sehr wichtig für unsere Erde sind.

vhs: Es ist nicht einfach, Lernen und Arbeiten unter einen Hut zu bringen. Was motiviert Sie?

Es ist schon manchmal sehr anstrengend und anspruchsvoll. Ich hatte Tage, an denen ich morgens um 5 Uhr in den Laden gehen musste und danach zum Sprachkurs. Nach dem Kurs ging ich wieder zur Arbeit und abends musste ich mir noch etwas kochen. Wenn man in einem fremden Land ist, fängt man vieles von vorne an. Ich hatte Momente, in denen jemand mich einfache Sätze gefragt hat, wie Wo finde ich Mehl? Haben Sie irgendwo Hefe? und alles, was ich antworten konnte, war: Können Sie es bitte wiederholen? Es war schon ein bisschen peinlich. Meine Sprachkenntnisse entscheiden, was ich hier für eine Zukunft aufbauen kann.

Ich will auch in Betracht ziehen, dass viele Menschen, die hier eingewandert sind, sich neben dem Sprachkurs und der Arbeit noch um ihre Kinder kümmern müssen. Andere kommen direkt nach einer Nachtschicht in den Unterricht. Das ist schon mühevoll, und deshalb will ich die Menschen, die das vielleicht lesen und sich in so einer Lage befinden, ermutigen! Es lohnt sich, alles unter einen Hut zu bringen.

vhs: Sie sprechen bereits mehrere Sprachen. Welche sind das? Lernen Sie gerne Sprachen?  Was fasziniert Sie dabei?

Ich bin zweisprachig aufgewachsen. Als ich noch klein war, hatten wir im Fernsehen nur Filme, Nachrichten und was es sonst noch so gibt, auf Russisch. Deswegen habe ich z. B. bis zu einem Punkt meines Lebens geglaubt, dass Putin unser Präsident in Moldawien ist. Aber ich bin froh herausgefunden zu haben, dass nicht er mich regiert. Später in der Schule habe ich angefangen Englisch zu lernen und dazu gibt es noch eine kleine Geschichte.

Als ich mein Abitur gemacht habe, ist eine Lehrerin aus den USA in die Schule gekommen, und so ist Englisch viel spannender geworden. Der größte Schritt war, dass wir kein Rumänisch sprechen durften. Es ist noch üblich, in der Schule die Muttersprache zu verwenden, während man eine Sprache lernt, aber ich finde es nicht sinnvoll. Wenn man sich für eine Sprache entscheidet, soll man sich voll auf sie einlassen.

An Sprachen fasziniert mich, dass man mehr Möglichkeiten hat, sich auszudrücken. Sprachen können z. B. berufliche Vorteile bringen, aber auch ermöglichen, dass man sich weiterbilden oder neue Perspektiven einnehmen kann. Ich habe für mich festgestellt, dass sobald man mehr Sprachen kennt, man mehr Informationen erfassen kann. Manche würden sagen, dass Fernsehen Quatsch ist, aber ich finde, dass es darauf ankommt, in welchem Land man es schaut. Denken Sie an meine Geschichte mit Putin.

vhs: Haben Sie ein deutsches Lieblingswort?

Ich habe zwei Wörter, die mir jetzt im Kopf herumspuken: „Schrott“ und „Eichhörnchen“! „Schrott“, weil es zwar etwas Schlechtes kommuniziert, aber gleichzeitig auch etwas Lustiges. „Eichhörnchen“, weil es auf Rumänisch, meiner Muttersprache, total anders klingt, viel eleganter und kürzer: „veriță. Von diesem Kontrast bin ich beeindruckt. Na ja, man muss sich an eine Sprache gewöhnen, dann klingt sie viel aparter und schicker!

vhs: Sie haben vor kurzem sehr erfolgreich den Deutschtest für Zuwanderer abgelegt – nur ein einziger Punkt hat bis zur maximalen Punktezahl gefehlt. Das ist eine hervorragende Leistung – herzlichen Glückwunsch! Nun besitzen Sie das Zertifikat für das Sprachniveau B1. Was sind Ihre weiteren Pläne?

Vielen Dank! Ich freue mich auch sehr. Nie hatte ich mir vorgestellt, dass ich je Deutsch lernen würde. Ich habe den großen Wunsch, weiter zu lernen, und zwar bis C1. In Rumänien studierte ich Kommunikationswissenschaft, und es hat viel mit der Sprache zu tun. Um mich beruflich gut zu integrieren, brauche ich unbedingt so ein Sprachniveau. Außerdem will ich mich weiterbilden und deshalb bereite ich mich auf ein duales Studium hier Deutschland vor.

vhs: Was hat Ihnen beim Deutschlernen geholfen? Haben Sie vielleicht ein paar Tipps für andere Schüler?

Finden Sie Ihr Sprach-Marshmallow! Damit meine ich etwas, das Sie neugierig macht. Es kann ein Ziel, aber auch ein besonderes Interesse sein. Es können Filme, Podcasts oder Musik sein. Man kann seine Erinnerungen oder Pläne übersetzen und ein Tagebuch führen. Warum auch nicht? Das alles kann sehr gut zusammenpassen. Ich persönlich interessiere mich für Psychologie und deswegen schaue ich mir diese Serie auf Arte an. Oder ich konnte mir das Wort stottern nicht merken, und dann schrieb ich einen kleinen Text darüber, wie ich in der Schule oft stotterte und die anderen lachten. Seien Sie jeden Tag kreativ! Und vor allem: Wenn Sie die Möglichkeit haben, sich mit jemandem in der Bäckerei, Apotheke oder Bahn zu unterhalten, dann tun Sie das. Selbstverständlich mit Abstand.

vhs: Vielen Dank für das Interview und alles Gute für die Zukunft!

Vielen Dank an die Kursleiterin von Herrn Sirbu, Frau Dr. Birgit Jordan, für die Durchführung des Interviews.

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